Blut wie die Liebe (Teil 1)

Als ich am nächsten Morgen vor die Tür trete, fällt mir auf, dass es Herbst geworden ist. Die Luft ist so kalt, dass mein Atem kleine Wölkchen bildet. Ich reibe mir die Hände und mache mich auf den Weg zum Bus. Für heute habe ich mir vorgenommen, Justus zur Rede zu stellen. Er kann mich nicht einfach behandeln, wie er gerade lustig ist. Ich weiß nie, woran ich bei ihm bin. Ob er heute freundlich zu mir ist oder mich wieder vor den Kopf stößt. In der ersten großen Pause mache ich mich direkt auf den Weg zum Streitschlichterraum. Und tatsächlich treffe ich ihn und das Zahnspangenmädchen dort an. Diesmal sieht er überrascht aus, als er mich in der Tür stehen sieht. „Hi“, trällert mir das Mädchen entgegen. „Können wir dir helfen?“ Ich habe die Arme vor der Brust verschränkt und sehe Justus finster an. Er legt dem Mädchen die Hand auf den Arm. „Lisa, ich glaub sie will zu mir. Kannst du uns kurz alleine lassen?“ „Ok.“ Sie klingt ein wenig enttäuscht und schlurft langsam an mir vorbei nach draußen. Ich ziehe die Tür hinter ihr zu und sehe dann wieder zu Justus hinüber, der leicht geknickt auf seinem Stuhl sitzt. Er weicht meinem Blick aus und erst da fällt mir der Riss auf, der sich senkrecht über seine linke Augenbraue zieht. Eine frische Platzwunde, die noch nicht ganz verheilt ist. Ich mache den Mund auf, um ihn danach zu fragen, überlege es mir dann aber anders. Er wird mir sowieso nicht die Wahrheit sagen. Endlich sieht er mich an und fragt: „Was willst du?“


Blut wie die Liebe zu dir (Teil 2)

Mit Justus spreche ich kein Wort, bis wir im Haus sind und die Tür hinter uns geschlossen haben. Im Flur ist es dunkel. Nur das hereinfallende Licht der Straßenlaterne, lässt uns nicht vollkommen blind dastehen. Doch keiner von uns macht Anstalten, den Lichtschalter zu bedienen. Ich lasse meine Handtasche auf den Boden fallen, drehe mich zu ihm herum und stemme die Fäuste in die Hüften. »Was hast du dir dabei gedacht?« Er lehnt sich mit der Schulter an die Wand und verschränkt die Arme vor der Brust. Ich kenne diese Geste von ihm. Sie ist ablehnend und überheblich. »Keine Ahnung, was du meinst.« »Warum bringst du sie mit ins Krankenhaus?« Er zieht eine Augenbraue hoch, stößt sich von der Wand ab und geht an mir vorbei zur Garderobe, um sich die Jacke auszuziehen. »Warum nicht? Dich hab ich doch damals auch mitgenommen.« Mir steigt das Blut in den Kopf und ich bin froh, dass wir das Licht immer noch nicht eingeschaltet haben. »Das war eine vollkommen andere Situation!«, keife ich ihm entgegen. »Ach ja?« Es regt mich auf, dass er so furchtbar gelassen ist. Dass ich mich immer weiter hochschaukele und er so cool bleibt. »Ja!«, rufe ich und schleudere meine Schuhe von den Füßen. »Warum?« »Weil ...« Ich stocke kurz. Ja, warum? Weil das zwischen uns etwas Besonderes war? Aber für ihn ja offensichtlich nicht. Ich dachte, ich wäre die Erste und Einzige, die er so in sein Familienleben einweiht. Aber anscheinend macht er das bei jeder. Vielleicht ist das so seine Masche. Außerdem war ich damals so betrunken, dass ich den Heimweg niemals alleine gefunden hätte. Er hatte also gar keine andere Wahl, als mich mitzunehmen. Und vielleicht empfindet er für Kathi ja tatsächlich mehr als für mich damals. Woher will ich das wissen? Aber es macht mich wütend. So verdammt wütend. Alles, was mir noch dazu einfällt, ist: »Du bist ein Arschloch!« Justus lacht trocken auf. »Wie habe ich mir das jetzt verdient?« »Du denkst immer nur an dich! Niemals an andere! Nicht an Fritz und auch nicht an ... an mich ...« Die letzten beiden Worte wispere ich nur noch. »Hör auf!«, brüllt er mich plötzlich an und stößt mich so fest mit beiden Händen gegen die Schultern, dass ich gegen die Kommode hinter mir stoße und der darin steckende Schlüssel sich schmerzhaft zwischen meine Schulterblätter bohrt. Ich stöhne auf und versuche, die Stelle mit der Hand zu erreichen, um darüber zu streichen. Justus steht mir schwer atmend gegenüber. Es wirkt fast, als wäre er gerade einen 1000 Meter Sprint gelaufen. Seine Hände schließen und öffnen sich immer wieder. »Aua«, stoße ich leise aus und sehe ihm in die Augen. Sie sind vor Schreck geweitet. Darin liegt eine Panik, wie ich sie bei ihm noch nie zuvor gesehen habe. »Es ...«, stottert er, »... es tut mir leid. Ich ... Ich weiß nicht, warum ...« »Aber ich weiß es«, flüstere ich und sehe ihm dabei immer noch fest in die Augen. »Unsere Eltern haben uns kaputt gemacht. Dich und mich. Auf vollkommen unterschiedliche Arten.«


X - Es beginnt

„Du bist einfach nur ein blödes Arschloch.“ „Und du bist naiv. Die Welt geht unter. Die Zombieapokalypse ist ausgebrochen. Und du machst dir Gedanken, um Nichtigkeiten.“ „Nichtigkeiten? Kein Mensch ist eine Nichtigkeit.“ Er nickt. „Da hast du wohl Recht. Sofern dieser Mensch sich in ein seelenloses, menschenfressendes Monster verwandelt, ist er tatsächlich keine Nichtigkeit mehr. Dann ist er eine Gefahr für uns. Und diese Gefahr versuche ich zu bannen.“ „Du redest nur Unsinn!“ Paddy packt mich wieder am Arm und zerrt mich hinter sich her zum Rand des Daches. Er deutet nach unten. „Sieh dir die Viecher an! Sieh sie dir an, Mila.“ Notgedrungen folge ich seinem Blick, doch ich halte es nicht lange aus. Vor dem Haupteingang der Schule haben sich mindestens ein Dutzend der Kranken versammelt. Als sie Paddys Stimme hören, blicken sie auf. Stöhnend versuchen sie an der Hauswand hinauf zu klettern. „Ist das Unsinn?“, fragt Paddy, wartet aber nicht auf meine Antwort. „Ja, Mila. Das ist Unsinn. Es ist total unsinnig, dass diese Menschen gestorben sind und nun wieder hier herumlaufen. Das ergibt keinen Sinn. Niemals. Aber egal, ob sinnig oder nicht, sie wollen dich fressen. Wenn du mir nicht glaubst, geh raus und sprich mit ihnen. Versuche sie vom Gegenteil zu überzeugen. Freunde dich mit ihnen an. Na los.“ Er schubst mich ein Stück vor, sodass ich gegen die kleine Mauer stoße, die mich vor dem Absturz bewahrt. „Aber sie sind doch trotzdem noch Menschen“, rufe ich verzweifelt. „Sie sind nur krank.“ Paddy lacht. Sein Gesicht verzieht sich dabei zu einer fiesen Grimasse. „Sie sind nicht krank, Mila. Sie sind tot. Wann verstehst du das endlich? Und du wirst früher oder später auch tot sein, wenn du nicht endlich von deinem Sozialtrip herunter kommst.“